Wer auf macOS schon mal ernsthaft mit der Menüleiste gearbeitet hat, kennt das Drama der letzten zwei Jahre. Bartender — über Jahre der unangefochtene Platzhirsch — wurde 2024 still und heimlich an die Applause Group verkauft, samt unerklärter Analytics-Integration, die Nutzer erst nach einem Update bemerkten. Die Community lief in Scharen zu Ice über, einer freien Open-Source-Alternative von Jordan Baird. Doch auch dieser Hafen erwies sich als nicht ganz krisensicher: Ice hat seit Anfang 2026 keine stabile Version mehr gesehen, der Entwickler ist beruflich anderweitig eingebunden — und macOS 26 Tahoe wartet nicht.
Genau hier setzt Thaw an.
Was ist Thaw?
Thaw ist ein Fork von Ice, gestartet von stonerl mit dem erklärten Ziel, das Projekt am Leben zu halten: Bugs fixen, Kompatibilität mit aktuellen macOS-Versionen sicherstellen und die offene Roadmap von Ice abarbeiten. Lizenz ist GPL-3.0, der Code zu 100 % in Swift, und mit über 2.600 Stars sowie 40 Mitwirkenden hat sich das Projekt in kurzer Zeit etabliert.
Die Voraussetzung ist klar definiert: macOS 14 oder neuer. Thaw nutzt System-APIs, die erst ab Sonoma verfügbar sind — Support für ältere Versionen ist nicht geplant.
Was kann Thaw?
Auf den ersten Blick: das, was alle in dieser Klasse können — Menüleisten-Icons verstecken, zeigen, sortieren. Im Detail aber deutlich mehr als die meisten Konkurrenten:
Item-Management
- Drei Sektionen: sichtbar, versteckt und „always-hidden"
- Reveal nach Wahl: Hover, Klick auf leere Stelle, Scrollen oder Wischen
- Automatisches Wieder-Verstecken nach konfigurierbarem Timer
- Drag-and-Drop-Layout-Editor
- Profile mit eigenen Layouts (etwa „Arbeit", „Privat", „Fokus")
- Item-Suche per Spotlight-ähnlichem Panel
- Eigene Spacer und Item-Gruppen
Notch-Freundlichkeit
Die separate Thaw Bar zeigt versteckte Items in einer eigenen Leiste unterhalb der Menüleiste — perfekt für MacBooks mit Notch, wo Items sonst dauerhaft hinter der Aussparung verschwinden würden.
Aussehen
- Tinting (solid und Gradient)
- Schatten, Border, abgerundete oder geteilte Menüleiste
- Hintergrund hinter der Menüleiste entfernen
- Abgerundete Bildschirmecken
- Separate Settings für Light/Dark Mode
Hotkeys & Integration
Eigene Tastenkombinationen für so ziemlich alles: Sektionen togglen, Suchpanel öffnen, Auto-Rehide pausieren, einzelne Items kurz anzeigen. In aktuellen Releases kommt zusätzlich eine Focus-Filter-Integration dazu — pro macOS-Fokusmodus ein anderes Profil, mit automatischer Rückkehr beim Verlassen des Modus.
Installation
Zwei Wege, beide schmerzfrei:
# Stable
brew install thaw
# Beta (oder Stable, je nachdem was neuer ist)
brew install thaw@beta
Alternativ das Zip von der Release-Seite
ziehen und nach /Applications schieben.
Warum Thaw und nicht Ice?
Ehrliche Antwort: Wenn Ice bei dir läuft und du auf macOS 14 oder 15 bist, kannst du es weiternutzen. Aber:
- Ice ist seit Februar 2026 in der Schwebe, der letzte stabile Release liegt entsprechend weit zurück.
- Tahoe-Kompatibilität gibt es bei Ice nur als Dev-Beta, bei Thaw als stabile Releases.
- Aktive Bug-Pflege — die Release-Notes der letzten Versionen lesen sich wie eine Sammlung der Schmerzpunkte, die Ice-Nutzer kannten: Multi-Icon-Apps, die nach jedem Reboot durcheinandergerieten, Position-Persistence über Neustarts, sauberes Handling von Apps mit gleichen Icons.
Thaw ist im Grunde Ice in „aktiv gepflegt" — und genau das ist gerade das einzige, was zählt.
Wermutstropfen
- macOS 14+ Pflicht — wer noch auf Ventura oder älter klebt, schaut in die Röhre.
- Wie jeder Menüleisten-Manager braucht Thaw bestimmte System-Berechtigungen (Bedienungshilfen, optional Bildschirmaufnahme für Tooltips/Suche). Das ist technisch unvermeidbar, aber muss man wissen.
- Kein App-Store-Release — Updates laufen über die eingebaute Auto-Update-Funktion oder Homebrew.
Mein Fazit
Thaw ist gerade die pragmatischste Wahl für die macOS-Menüleiste. Open Source, GPL-3.0, keine Subscription, keine Analytics-Überraschungen, und ein Maintainer, der erkennbar Lust auf das Projekt hat. Wer Bartender den Rücken kehren will und mit der Stagnation von Ice hadert, findet hier den natürlichen Nachfolger — mit dem Bonus, dass die ursprüngliche Ice-Roadmap weiter abgearbeitet wird.
Für mein eigenes Setup — mehrere Kontexte, Notch-MacBook, viele Homelab-Icons (Docker, k9s, Tailscale & Co.) — ist gerade die Kombination aus Profilen und Focus-Filter-Integration der Knaller. Ein Fokusmodus „Arbeit" mit allen DevOps-Tools sichtbar, „Privat" mit reduziertem Set, automatisches Umschalten beim Wechsel: genau der Workflow, den ich mir seit Jahren bastle.
Wer Thaw ausprobiert, sollte den Maintainer übrigens auch auf Patreon unterstützen oder über GitHub Sponsors. Solche Projekte funktionieren nur, wenn die Pflege jemandem Spaß macht — und wenn jemand sie bezahlt.
Links
- Repository: https://github.com/stonerl/Thaw
- Releases: https://github.com/stonerl/Thaw/releases
- Discord: https://discord.gg/5cnKkKbMFd
- Lizenz: GPL-3.0